Ein Weihnachtsbaum für Großvater Pablo
(von Gabriele Matzantke)

 


Endlich schneit es draußen. Die Kinder im Dorf haben bereits sehnsüchtig auf den Schnee gewartet. Das nahende Weihnachtsfest konnte sich niemand so richtig ohne die weiße Pracht vorstellen. Vergnügt spielen die Kinder auf dem Dorfplatz. Sie bauen einen Schneemann, machen eine Schneeballschlacht oder fahren mit dem Schlitten den Berg vor der Kirche hinab. Sie lieben den Schnee und freuen sich auf Weihnachten.
Großvater Pablo jedoch freut sich gar nicht. Der sonst so freundliche Mann ist mürrisch. Er geht mit ernstem Gesicht an den anderen Leuten vorbei und grüßt niemanden mehr. Olga und Janos wundern sich darüber. Olga fragt ihre Mutter: "Du Mama, kannst du mir sagen, was mit Großvater Pablo los ist? Warum ist er so grimmig? Sonst hat er doch immer gerne ein Schwätzchen mit den anderen gehalten oder uns Kindern beim Spielen zu gesehen."
"Ich weiß es nicht Olga. Der Alte ist immer so, sobald der erste Schnee fällt. Er spricht dann mit niemand mehr und geht kaum vor die Tür. Den Grund dafür, weiß eigentlich niemand so recht."
So vergehen die Tage wie im Fluge. Alle sind damit beschäftigt, sich auf Weihnachten vor zu bereiten. Sie basteln oder kaufen Geschenke und schmücken ihre Häuser. Auf dem Kirchplatz steht bereits der große Weihnachtsbaum. Er ist mit Sternen aus Stroh und vielen Lichtern geschmückt. Olga und ihr Freund Janos haben gerade einige Papiersterne gebastelt und in die Fenster geklebt. Wunderschön sind sie geworden.
"Prima." lacht Janos. "Wir sind fertig. Dann können wir ja draußen mit den anderen spielen." "Halt! ruft Olgas Mutter. Wir müssen noch eben einen Tannenbaum kaufen gehen. Sonst sind die schönsten schon alle weg. Schließlich wollen wir doch übermorgen nicht ohne Baum feiern. Wenn Janos möchte, dann darf er mitkommen."

Zusammen mit Janos geht es zum Marktplatz. Dort steht ein Händler mit vielen verschiedenen Tannen, welche er zum Verkauf anbietet. Er erhält gerade eine neue Lieferung.
"So. Das sind die letzten zehn Bäume. Mehr gibt es nicht. Außerdem ist in zwei Tagen ja schon wieder alles vorbei." lacht der Lieferant. Der Händler nimmt die Bäume entgegen. Eine recht kleine Tanne hält er an der Spitze fest und lässt den Stamm mit einem lauten "Klatsch!" auf den Boden stoßen."Was ist denn das für ein Krüppel?" ruft er erbost. "Den zahl ich dir nicht. So ein krummes Ding kann ich doch nicht verkaufen." Ärgerlich wirft er den schiefen Baum achtlos hinter den Zaun. Olga will diesen Baum natürlich kaufen. Auch Janos findet ihn überhaupt nicht so schief. Aber die Mutter will eine schöne große Edeltanne für das Fest. Sie werden dann auch bald fündig und bringen ihren Weihnachtsbaum nach Hause.
"Dürfen wir jetzt noch ein wenig draußen spielen? fragt Janos.
"Ja. Aber vergiss nicht, dass Du in einer Stunde zu Hause sein musst Janos."
"Natürlich nicht." Und schon liefern sie sich eine Schneeballschlacht.
Da klatscht einer der Schneebälle mit voller Wucht an Großvater Pablos Fenster.
"Was soll denn dieser Lärm." er tritt aus der Türe heraus. "Ach, ihr seid es." sagt er und will wieder hineingehen.
"Können wir dich etwas fragen?" platzt es aus Olga heraus. Der Alte dreht sich um und blickt sie fragend an. "Dann müsst ihr aber hereinkommen. Hier draußen ist es mir zu kalt und ich habe mir gerade einen Tee gemacht."
In Großvater Pablos Stube weist nichts auf das Weihnachtsfest hin. Kein Weihnachts-schmuck, kein Baum, keine Lichter. "Was möchtet ihr wissen?" fragt er.
Olga nimmt ihren ganzen Mut zusammen. Mit geröteten Wangen sagt sie: "Du hast dich so verändert. Geht es Dir nicht gut? Es ist doch bald Weihnachten. Alle freuen sich darauf und sind gut gelaunt. Nur du nicht."
Janos sieht den Großvater gespannt an und kaut nervös auf seiner Unterlippe.

"Wisst ihr." beginnt Pablo stockend. "Ihr habt schon recht. Weihnachten ist das Fest der Freude. Die Freude ist um so größer, wenn man sie teilen kann. Aber mit wem soll ich mich denn freuen. Ich habe doch niemanden. Und worüber soll ich mich freuen? Der Schnee und die Kälte machen mir sehr zu schaffen. Ich gehe nur noch aus dem Haus um etwas einzukaufen. Und selbst das fällt mir bei diesem Wetter schwer. Alle sind damit beschäftigt, dass Fest vorzubereiten und niemand hat Zeit für mich. Einen Weihnachtsbaum hätte ich auch gerne. Aber ich kann ihn mir weder leisten, noch nach hause tragen. Also habe ich keinen. Ich möchte auch niemandem zur Last fallen, also rede ich nicht darüber. Dies alles macht mich eben traurig und nicht fröhlich."
Janos und Olga sind betroffen. Aber sie haben eine Idee.
"Wir müssen jetzt leider gehen. Morgen da kommen wir wieder. Dann musst du nicht mehr traurig sein." Und schon sind sie durch die Tür. Pablo sieht ihnen erstaunt nach und kratzt sich am Hinterkopf. Als die Schule am nächsten Tag aus ist, laufen Olga und Janos zum Marktplatz. Sie klettern über den Zaun und holen den kleinen schiefen Tannenbaum hervor. Er ist Gott sei Dank nicht schwer. Vor Olgas Haustüre stellen sie ihn ab. Jeder läuft zu seiner Mutter und bittet diese um ein wenig Christbaumschmuck für den alten Pablo. Sie entfernen einige Papiersterne aus den Fenstern und packen alles zusammen. Janos Vater holt noch einige Kerzen aus dem Schrank.
Mit dem Schmuck, den Kerzen und dem Tannenbaum klopfen sie an Großvater Pablos Tür. Dieser öffnet und die Kinder laufen lachend in die Stube.
"Sieh nur. Wir haben einen Weihnachtsbaum für dich. Er ist zwar ein wenig schief aber dafür hat er nichts gekostet. Mit ein wenig Schmuck und Kerzen wird er sicher wunderschön." Pablo ist gerührt. Er stellt den Baum auf und sie schmücken ihn gemeinsam.
Der Alte Mann öffnet eine Truhe und holt eine golden angemalte Kette aus allerlei Nüssen heraus. Ganz unten in der Kiste findet er noch einen schönen Stern aus weißem Glas. Ihn stecken sie an die Spitze und siehe da, der Baum sieht überhaupt nicht mehr schief aus. Ein angenehmer Tannenduft erfüllt das Zimmer.
"Ich danke euch für diese wunderbare Überraschung. Ich freue mich sehr. Der Weihnachtsbaum ist der Schönste, den ich je sah." Er stellt sich vor den Baum und betrachtet ihn. "Würdet ihr mit mir ein Lied anstimmen?"
"Ja. Lasst uns O Tannenbaum singen."
Sie stimmen das Lied an.
"Das war ein schöner Nachmittag. Ich würde mich freuen, wenn ihr bald wiederkommt.
Die Kinder verabschieden sich und Pablo blickt ihnen noch lange nach. Er lächelt noch immer, als Olga und Janos schon nicht mehr zu sehen sind. Er ahnt nicht, dass er die beiden schon bald wiedersehen wird.
Denn für den morgigen Heiligabend haben sie sich etwas Besonderes ausgedacht. Sie haben ihren Eltern berichtet, warum der sonst so nette Pablo an Weihnachten immer so unglücklich ist. Da beschließen beide Familien, den Alten Mann zu überraschen.
Sie gehen gemeinsam zu seinem Haus und bringen ihm selbstgebackenen Kuchen und Plätzchen, Äpfel und eine Flasche Wein.
"Wir wünschen dir fröhliche Weihnachten Väterchen." rufen sie bereits von Weitem.
Pablo bittet alle herein und reicht ihnen heißen Tee. Anschließend gehen sie gemeinsam in die Messe. Großvater Pablo bleibt nun an Weihnachten nie mehr alleine. Die Familien von Olga und Janos laden ihn abwechselnd zu sich nach Hause ein. Fortan war er wieder der freundliche alte Mann, den alle sehr mögen.
Und in jedem Jahr schmückt er nun die Tanne vor seinem Fenster. Sie erinnert ihn an den Weihnachtsbaum für Großvater Pablo, den zwei Kinder ihn zum Geschenk machten und damit sein Leben veränderten.